Anmerkungen zum Film

«Der Kopf hilft sich mit Bildern, bei denen das Wesentliche im Dunkeln bleibt»

Von Michael Nemitz
Konzept und Regie


Urheberschaft

Der vorliegende Film ist wesentlich von den Betroffenen geprägt. Immer wieder hat die Basler Selbsthilfegruppe für hirnverletzte Menschen in den letzten zwei Jahren die Entstehung ihres Films begutachtet. Gleichwohl bleibt es ein Blick von aussen auf die Vorstellung einer Hirnverletzung.

Die Initialzündung geschah bei einem der monatlichen Treffen, eine Vision, begleitet von lachenden Augen. «Das müsste man mal anschauen können», hiess es zu persönlichen Berichten über Alltagsbewältigung. Jetzt kann man es anschauen. Aus dem Projekt ist eine Art Protokoll der Selbsthilfe geworden. Wir haben die Teilnehmenden besucht und danach gefragt, wie sie sich im Alltag helfen. So entstand der Film.

Leben
Die Geschichten sind individuell und einzigartig und deshalb auch nicht so auf andere übertragbar. Ihr Zusammenhang ergibt sich daraus, dass vom Verlust des Massstabs die Rede ist. Ob es nun um Nichtigkeiten, Probleme oder Katastrophen geht.

Bei Betroffenen lernt man zwei Seiten kennen: hier eine Vielzahl von Kleinigkeiten, mit denen auch viele andere Menschen zu kämpfen haben. Jeder, der irgendwann einmal anfing, eine Brille zu benötigen, weiss, von was die Rede ist. Also, nichts Besonderes.

Auf der anderen Seite stehen die Geschichten, die so besonders sind, dass uns schlichtweg das Vorstellungsvermögen fehlt. Was heisst das: eine Seite nicht wahrnehmen, Temperatur nicht spüren, Buchstaben und Zahlen nicht mehr zusammenfassen können. Wie schlimm ist das?

Und manchmal bilden erst die Kleinigkeiten und die grossen Hindernisse zusammen ein Netz, das so undurchdringlich werden kann, dass irgendwann der lebenswichtige Austausch unterbrochen ist zwischen dem Menschen und der Welt, die ihn umgibt.

Alltag
Die Gleichzeitigkeit von Können und Nicht-Können bei Betroffenen folgt einem Muster, dessen Logik und Form uns verborgen bleibt. Die Kombination und Schwere von verschiedenen Schäden und Ausfällen fordert unter Umständen ein Leben, das sich völlig anzupassen hat; so weit, dass für die Abwicklung der banalen Alltagsaufgaben die gesamte Lebenskraft gebraucht wird.

Die Zeit nach der Hirnverletzung ergibt einen neuen Normalfall: Leben mit Hirnverletzung für 30, 40 oder 50 Jahre. Die Dreharbeiten haben klar gemacht, dass es noch endlos mehr Geschichten gäbe. Besser, schlechter, verrückter, typisch – nach welchen Kriterien haben wir ausgewählt? Die Antwort ist einfach: wir haben angeschaut, was da war. Befreit vom Wertungsgedanken, konnten wir uns immer wieder neu auf die Einzigartigkeit des Lebens einlassen, das wir durch die Kamera sahen.

Alle Filmepisoden geben Erlebtes oder Andauerndes wider. Einblicke in Leben, die noch weiter gelebt werden wollen. Die Verletzungen und ihre Wirkgeflechte entwickeln sich weiter, unabhängig davon, wie viele Menschen den Film sehen werden. Aus diesem Grund tragen die Betroffenen nur ihren Vornamen und wir verzichten auf allzu genaue Angaben.

Was die Teilnehmenden von sich mitteilen wollten, findet sich in den Portraits. Hilfreiche Erklärungen für ein Gesamtverständnis enthält der allgemeine Text zu Hirnverletzungen und ihren Folgen (Seite 22).

Und jetzt?
Was bleibt, ist eine grosse Ansammlung von Fragen, die zum Teil gerade erst einmal entstanden sind. Sie mögen das entstehende Gespräch beflügeln. Das Gespräch mit Pflegekräften, Arbeitgebern, Verwandten und Nachbarn, Verkaufs- und Schalterpersonal, Reinigungskräften und Planungskräften, Lehrerinnen und Pfarrern, kurz, mit allen, die es angeht. Und das sind eigentlich alle.


Basel, im Oktober 2001

Kleine Lösungen – Ausfälle und Einfälle
Ein Film über das Leben mit Hirnverletzung.mit Mitgliedern der Basler Selbsthilfegruppe. Von Michael Nemitz
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last update: 20.10. 2001